Schmeessen

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Smitheredeshusun im Frühmittelalter

Die mittelalterliche Dorfwüstung Schmeeßen taucht um 1000 als Smitheredeshusun in den Traditionen (Erwerbungsregistern) des ehem. Reichsklosters Corvey mit der Schenkung eines Brun auf.
Den Grabungen seit 2005 zufolge wurde sie vor 800 angelegt. Der Name des Ortsgründers dürfte sich im Ortsnamen erhalten haben – mutmaßlich war er ein Mitglied des einflussreichen adeligen
Verwandtschaftskreises der im früh- und hochmittelalterlichen Sachsen Führungspositionen besetzenden Immedinger und Billinge.

Die Siedlung bestand aus einer noch nicht näher eingrenzbaren Zahl von mutmaßlich locker verteilten Höfen am Oberlauf eines Baches im Bereich mehrerer Quellen.
Die Lage am Rande des großen Waldgebietes Solling in 280 m Höhe war exponiert. Die recht mächtigen Lößböden und das überwiegend flache Relief stellten jedoch gute Grundlagen für die Landwirtschaft dar.
Hinzu kam das im Vergleich zu heute etwas wärmere und trockenere Klima. Die Einwohner dürften Ackerbau und Viehzucht betrieben haben.

Eine erste Blütezeit des Ortes zeichnet sich archäologisch für die Karolingerzeit ab.
Gesichert sind mächtige Pfosten von ebenerdigen Gebäuden in Holz-Lehm-Bauweise – ev. ein Herrenhof - und kleine in den Boden eingetiefte Nebengebäude (Grubenhäuser) sowie Speicher.

Die Siedler kamen mutmaßlich aus den nahe gelegenen Altsiedelgebieten des Wesertales und der Warburger Börde bzw. des Diemellandes.
Die Siedlungslandschaft des Weser-Leineberglandes wurde im 8./9. Jh. großräumig erschlossen. Es entstand ein dichtes Netz von großen, mittleren und kleinen landwirtschaftlich geprägten Orten.
Die meisten heutigen Siedlungen gehen in diese Zeit zurück. Für das (spätere) 10. bis 12. Jh. liegen bisher aus Schmeeßen kaum Funde vor.
Mutmaßlich ging die Zahl der Höfe in diesem Zeitraum stark zurück – oder die Besiedlung verlagerte sich kleinräumig. Hierzu und zu vielen anderen offenen Fragen sind weitere Forschungen notwendig.

Smedersen im hohen bis späten Mittelalter

Nach unseren Grabungen erfolgte ein neuer starker Entwicklungsschub der Siedlung in den Jahrzehnten um 1200. Damals wurden weite Teile der Wälder im Weserbergland gerodet und besiedelt.
Der Ackerbau dürfte intensiviert worden sein, man baute vor allem Roggen, Gerste und Hafer, in Gunstlagen auch Weizen an. Hinzu kamen Hülsenfrüchte, Gartenbau und Spezialkulturen.
In dieser Zeit dürften die meisten noch erhaltenen Wölbäcker (Hochbeete) entstanden sein. Die Grafen von Dassel verlegten ihre wichtigste Residenz in das nahe gelegene Nienover
und gründeten dort um 1190 die erste Stadt im Solling.

An der Stelle eines großen Gehöftes der Karolingerzeit errichtete man in Smedersen (jüngere verschliffene Form vom Smitheredeshusun),
das 1303 als Witwengut der Gräfin Sophie von Dassel und Nienover genannt wird, eine Kirche. Das 15,9 mal 8,4 m messende 1, 2 m starke Fundament der Kirche wurde freigelegt.
Der schlichte Saal mit im Aufgehenden 1,1 m starken Mauern ist wohl als Turmkirche zu rekonstruieren. Die besondere Baugestalt der Kirche – eine Kombination aus Sakralbau
und mehrgeschossigem Schutzraum für die Menschen und ihre wertvollste Habe - findet sich europaweit (fast) nur in einem eng begrenzten Teil von Südniedersachsen.
Sie ist Ausdruck des erhöhten Schutzbedürfnisses der Landbevölkerung in einer fehdereichen Region und Zeit. Gleichzeitig dokumentiert der Kirchenbau aber auch relativen Wohlstand,
Bevölkerungsexpansion und eine verstärkte kirchliche Erschließung des Landes bzw. Volksfrömmigkeit. Der Chorraum im Osten war durch eine Stufe abgesetzt.
Dort stand der Altar, zu dem der „”Schmeeßer Taufstein“ gehört. Der für mittelalterliche Verhältnisse mit ca. 78 qm Grundfläche recht große Bau bestand mutmaßlich ohne gravierende Veränderungen
bis zur Aufgabe des Ortes um 1450. Zahlreiche Funde belegen lebhaftes Leben und Treiben auf dem Kirchhof. Kirche und Kirchplatz dienten im Mittelalter als Kommunikationsraum,
im Westen könnte der Versammlungs- und Gerichtsplatz der Gemeinde gelegen haben. Gräber vor allem im Süden und Osten zeigen, dass die Kirche zeitweise Rechte einer Pfarre hatte.

Der Überlieferung nach soll Smedersen beim Durchzug von böhmischen Hilfstruppen des Erzbischofs von Köln im Gefolge der Soester Fehde im Sommer 1447 zerstört worden sein.
Aufgrund zunehmend ungünstiger Witterung, Klimakatastrophen, starker Bodenerosion, Bevölkerungsrückgang, Verfall der Agrarpreise, Unsicherheit auf dem Lande und wirtschaftlich-sozialer Umwälzungen
verödeten im 14. und 15. Jh. zahlreiche Dörfer in ganz Europa. Im Solling, im 12. und 13. Jh. eine blühende Kulturlandschaft, wurden fast alle Siedlungen aufgegeben.
Wald und Heide breiteten sich zunehmend aus. Extensive Bewirtschaftung: Holzwirtschaft, Viehweide, Köhlerei, Glashütten und Steinbrüche dominierten.
Die Menschen siedelten sich in nahe gelegenen Orten der Gunstregionen an. Es blieben im Nahraum fast nur noch Märkte und Städte bestehen, so das erst nach 1300 planmäßig angelegte
Lauenförde an einer Weserfurt, das die letzten Einwohner von Smedersen aufgenommen haben wird.

Turmkirchen

Turmkirchen stellen eine Kombination aus einem einräumigen rechteckigen, ungegliederten Sakralbau und einem wehrhaften Turm dar. Türme bildeten im hohen und späten Mittelalter oft den Kernbau,
insbesondere von kleinen Burgen. Die Kirche war in vielen Orten im Mittelalter und noch in der frühen Neuzeit der einzige Massivbau, während alle übrigen Gebäude aus Holz bestanden.
Insofern lag der Gedanke nahe, beide Bauformen zu kombinieren, um einen Schutzraum zu schaffen. Zudem bildeten die Kirchen ein Symbol der dörflichen Gemeinschaft, von deren Wohlstand und Wehrhaftigkeit.

Die Turmkapellen besaßen ein hohes Untergeschoß als Beet- und Altarraum, und zumeist zwei bis drei niedrigere Obergeschoße zur Lagerung wertvoller Habe.
Die Wände besaßen nur wenige kleine schartenartige Öffnungen in den oberen Wandabschnitten, wo zudem ein Zugang oder eine große Ladeluke mehrfach belegt sind.
Soweit der kirchenrechtliche Status für das Mittelalter gesichert ist, waren die südniedersächsischen Turmkirchen keine mit Begräbnis- und Taufrecht versehenen Pfarren, sondern Kapellen.
Ungewiss ist aufgrund weitgehend fehlender kunsthistorischer Anhaltspunkte oftmals die Erbauungszeit.

In Schmeeßen fanden sich sowohl Begräbnisse als auch mutmaßliche Bruchstücke eines gotischen Taufsteins. Zudem ist der Bau für eine Turmkirche sehr groß.
Die um 1200 einzugrenzende Bauzeit gehört zu den frühesten gesicherten Datierungen überhaupt.

Um 1180 begann in der Region eine fehdereiche Zeit. Dabei war die Landbevölkerung von Übergriffen der sich bekämpfenden Herrschaften besonders stark betroffen.
Die meisten Turmkirchen wurden um 1250 - 1350 errichtet. Besonders eng verwandte noch erhaltene langrechteckige Bauten finden sich in Oldenrode und Nienhagen bei Fredelsloh.
Die meisten Turmkirchen sind wesentlich kleiner und unterscheiden sich auf den ersten Blick nicht allzu sehr von einem Kirchturm, so die neuzeitlich umgestalteten Turmkirchen in Vernawahlshausen,
Offensen und Fürstenhagen sowie in Gierswalde und die Ruinen in den Dorfwüstungen Friwohlde unweit Hardegsen oder Moseborn bei Holzerode unweit Nörten-Hardenberg.

Historische Kulturlandschaft

Wüstung Schmeeßen - neuzeitliche Waldnutzung


Die ältesten sichtbaren Relikte sind die Hügelgräber aus der Bronzezeit, die sich in lockeren Gruppen vor allem südöstlich von Schmeeßen (völlig verschliffene Form des Ortsnamens Smitheredeshusun) finden.
Die im Mittelalter für Ackerbau genutzten Flächen von Smedersen sind in Teilbereichen, so im Süden der ehemaligen Dorfflur, als flache Hochäcker noch heute sichtbar.
Historische Fernstraßen und Wege sind auf der Sollingkarte von 1603 eingezeichnet. Sie sind z. T. noch als Hohlwege oder als Schneise im Wald als „Reichsstraße“ erhalten.

Der heutige Hochwald entstand erst seit dem 18. und 19. Jh., als sich eine geregelte Forstwirtschaft mit Hauptaugenmerk auf den Rohstoff Holz herausbildete.
Zuvor wurde der Wald in starkem Maße von den umliegenden Gemeinden für Vieheintrieb (Waldhute von Rindern, Schafen und Schweinen) und Brenn- sowie Bauholz genutzt.

Der Solling-Forellenhof geht auf ein Vorwerk des Gutes Lauenförde (Milchhaus) zurück. Nördlich von Smedersen liegt der Schutthügel des „Hirtenhäuschens“.
Die herrschaftliche Jagd spielte bis ins 17. Jh. eine größere Rolle, Fürstenberg, Neuhaus und Nienover waren wichtige fürstliche Jagdhäuser und zeitweilige herzogliche Residenzen der Welfen.

Beeindruckend sind im Bereich der Revierförsterei Brüggefeld noch die ehemals frei stehenden jahrhundertealten Buchen und Eichen als Relikte des Hutewaldes.
Mächtige Baumruinen retteten die letzten Fundamente der Kirchenruine von Smedersen vor Steinraub. Vieh- und Wildverbiss sowie wenig geregelter Holzeinschlag der anliegenden Gemeinden,
Köhler, Aschenbrenner und Glashütten minderten den Aufwuchs des Waldes durch ihren enormen Holzverbrauch erheblich.

Die Teiche in Smedersen sind seit kurz vor 1700 entstanden. Ob sie mittelalterliche Vorläufer hatten ist ungeklärt. Wall und Graben südwestlich der Wüstung sind wahrscheinlich auf
frühneuzeitliche Nutzungsgrenzen bzw. Forstkämpe für Baumpflanzungen zurück zu führen. Der „Schmeeßer Taufstein“ dokumentiert, durch Sagen vom Eingreifen des Teufels und scheuende
Pferde beim Abtransport verbrämt, die neuzeitliche Wiederverwendung von Baumaterial und möglicherweise alte Rechte der Pfarre Herstelle. Es handelt sich wohl um den Zentralstein des
Altars der mittelalterlichen Dorfkirche mit einer Aushöhlung zur Aufnahme eines Reliquienkastens.

Prähistorische Grabhügel

Der Solling war in den Jahrtausenden vor der Zeitenwende vornehmlich Hinterland der Siedlungsgebiete an Weser und Leine. Er wurde aber regelmäßig von Menschen aufgesucht.
Neben wirtschaftlichen Belangen (Holzbedarf, Laubstreu für Winterfutter, Viehweide) könnte auch der Kult naturnaher Menschen an Hainen, Bäumen, Quellen, Steinen und Mooren eine Rolle gespielt haben.

In der späten Jungsteinzeit, vornehmlich in der Bronzezeit, errichtete man am Rande der Höhen mit Blick auf das Wesertal und in die Ferne, vielleicht zudem orientiert an Verkehrslinien,
stellenweise Grabhügel. Möglicherweise lagen in deren Nahbereich auch permanent oder jahreszeitlich aufgesuchte Wohnstätten (Wald- und Weidewirtschaft?). Das Klima war damals trockener
und um einige Grad wärmer als heute. Im weiteren Umfeld der Wüstung Smedersen liegen einzelne, überwiegend aus Löss aufgebaute Grabhügel und kleinere Hügelgruppen. Archäologische und
ökologisch-bodenwissenschaftliche Untersuchungen dazu stehen noch aus.

Neben der Kirche von Smedersen wurde ein kaum mehr erkennbarer Hügelrest angeschnitten, in dem sich Relikte von Nachbestattungen in Urnen der Jungbronzezeit bis frühen Eisenzeit
fanden (um 1200-600 vor Christus). Möglicherweise wurden hier besondere Personen bestattet, denn zur gleichen Zeit nutzte man im Wesertal größere Urnenfriedhöfe.
Weitere Keramikbruchstücke und eine in der Nähe gefundene Pfeilspitze gehören in die frühe Bronzezeit oder ins Spätneolithikum (um 3000 bis 1600 vor Christus).
Möglicherweise wurde dieser Bereich über Jahrhunderte hinweg für Zwecke von Toten- bzw. Ahnenverehrung und Kult genutzt.

Historische Kulturlandschaft im Umfeld von Schmeeßen

* 3./2. Jahrtausend vor Christus Errichtung von Grabhügeln

* um 900-600 v. Chr. Nachbestattungen in Urnen

* vor 800 n. Christus Gründung einer Siedlung Smitheredeshusun (Häuser des Smithered)

* um 1200 Errichtung einer Steinkirche, mutmaßlich Ausbau der Siedlung

* um 1450 Verödung des Dorfes Smedersen

* 1542/1543 Neusiedlung Brüggefeld, gewaltsam zerstört, angeblich zum Jagd-/Waldschutz

* 16.-19. Jh. Vielfältige Nutzung unter anderem als Hutewald, Anlage von Teichen (Fischzucht)

* 19./20. Jh. Beginn der modernen Forstwirtschaft: Hauptziel Nutzholz (Fichten, Buchen), Errichtung der Revierförsterei, des Vorwerkes und des Weilers Brüggefeld

* seit 2005: archäologische Ausgrabungen und ökologisch-geographische Untersuchungen

Die Form des Ortsnamens verschliff sich im Laufe von mehr als 1200 Jahren von Smitheredeshusun (Häuser die Smithered) über Smedersen zu Schmeeßen

(Prof. Dr. Hans-Georg Stephan, Institut für Prähistorische Archäologie, Martin Luther Universiät, Halle/Wittenberg)