Lakenborn

Lakenborn

Glasherstellung am Lakenborn


Die Hütte am Lakenteich arbeitete von ca. 1655-1681 (Meister Franz Seidensticker, später Jürgen Seitz) in wirtschaftlich schwierigen Zeiten des Umbruchs vom patriarchalischen Handwerksbetrieb zur in neue Formen des globalen Vertriebs eingebundenen Manufaktur. Ziel der Grabungen ist es, erstmals im Solling die Betriebsstruktur einer Glashütte archäologisch zu erforschen. Im Blickpunkt stehen dabei besonders die Öfen und die Werkshalle, aber auch die Produkte und das Leben und Arbeiten der Glasmacher. Es konnte eine komplette Betriebseinheit von Öfen in einer Werkshalle ausgegraben werden. Die Abwurfhalden wurden nur ausschnittweise ausgegraben. Die Hütte stellte Fensterglas und Gefäße überwiegend aus leicht grünlichem Glas her, daneben  auch etwas Farbglas. Die Formenwelt steht auf der Schwelle zwischen Renaissance und Barock.

Nach vier Jahren intensiver Grabungsarbeiten wurde nun die Untersuchung der in der zweiten Hälfte des 17. Jh.s. arbeitenden Glashütte am Lakenborn abgeschlossen. Obwohl die Auswertung der Grabungsdokumentation und vor allem der sehr zahlreichen Funde noch mehrere Monate dauern wird, kann diese Ausgrabung schon jetzt als hochbedeutend für die Erkenntnis der mitteleuropäischen Waldglashütten gedeutet werden. Dem Grabungsteam ist es gelungen die Bauweise aller sechs freigelegten Glasöfen zu rekonstruieren sowie wichtige Beobachtungen zu deren Funktion und der damit verbundenen Produktionsprozesse zu treffen. Darüber hinaus konnten erstmals so viele Details zu der Konstruktion des Produktionsgebäudes und seiner inneren Einteilung in verschiedene Arbeitsbereiche ans Tageslicht gebracht werden. Die Ergebnisse der Ausgrabung, darunter auch viele interessante Funde, werden dem Publikum in Form einer Ausstellung präsentiert, die für den Herbst 2008 im Städtischen Museum in Uslar geplant ist.
Prof. Dr.Hans-Georg Stephan, Radoslav Myszka

Mittelalterliche und frühneuzeitliche Glashütten im Solling (1200-1740/50)

Glas ist heute einer der wichtigsten Werkstoffe in Industrie und Technik. Als Gebrauchsgut ist es billige Massenware, nicht zuletzt aber auch ästhetisch ansprechendes Objekt von Kunstgewerbe und Kunst. Glas ist einer der frühen künstlich vom Menschen hergestellten Werkstoffe und erfreute sich wegen seiner vielseitigen Eigenschaften und des edelsteinartigen Glanzes großer Wertschätzung. In archaischen Kulturen war und ist Glas selten und kostbar, oftmals wurden ihm magische Eigenschaften zugeschrieben

Zu einer regelrechten Massenproduktion kam es erstmals in römischer Zeit. Im europäischen Abendland nahm die Glaserzeugung in antiker Tradition im Laufe des frühen und hohen Mittelalters zunehmend ab. Einen Bruch stellte in vieler Hinsicht die Umstellung von der ehemals aus Ägypten importierten Soda auf Pflanzenasche in der Karolingerzeit dar. Diese veränderte Rohstoffbasis mit erhöhtem Brennstoffverbrauch (Holz) bildete die Grundlage für die Entstehung der europäischen Glaserzeugung in Waldglashütten seit dem 12./13. Jh, welche die Grundlagen für die heutige Glasindustrie der modernen Welt schuf.

Die für Jahrhunderte wichtigsten Glasproduktionsgebiete Zentraleuropas bildeten sich seit dem 12. Jh. im deutschen Mittelgebirgsraum heraus. Die familiären und gewerblichen Netzwerke reichen von Ostfrankreich  (z.B. Lothringen) bis Mähren und Ungarn, ins heutige Polen, nach Skandinavien und ins Baltikum, später bis Russland und Nordamerika. Die Absatzgebiete umfassten bereits im Mittelalter neben den deutschen Ländern auch weite Teile des hansischen Nord- und Osteuropa.

Der Solling, das nach dem Harz zweitgrößte geschlossene Waldgebiet Niedersachsen, war nach neueren archäologischen Entdeckungen bereits im Mittelalter ein wichtiger Standort von Glashütten. Diese sind nur einmal 1397/98 indirekt als Liefergebiet von Glas erwähnt.  Man wählte ausgedehnte Wälder wegen des hohen Holzbedarfs für den Rohstoff Holzasche (ab etwa 1670/80 Pottasche) als Mittel zur Senkung des sehr hohen Schmelzpunktes des Hauptbestandteils Silizium (Sand, Quarz) und für den Brennholzbedarf des bei 1150-1350 Grad erschmolzenen Glases als Hüttenstandort. Die Jahresleistung der meisten Hütten dürfte bei 5-20 t Glas pro Jahr gelegen haben, wofür etwa 1250-6000 t Holz verbraucht wurden. Selbst bei einer Produktion in der unteren Größenordnung war nach 10-15 Jahren der Wald im Umkreis von etwa 600 m verbraucht, nach 20-30 Jahren im Umkreis von etwa 1 km. Da aufgrund von Forstschutzmaßnahmen aber nur bestimmte für anderweitige Nutzung abgelegene Bereiche und weniger wertvolle Buchen abgeholzt werden durften, war der Einzugsbereich der Hütten wesentlich größer und waren Streitigkeiten mit Förstern und anderen Waldnutzern nicht selten. Zudem fällt im Vergleich mit dem Reinhardswald auf, dass bestimmte Bereiche weitgehend frei von Glashütten bleiben, besonders in der Zeit vor 1650. Der wichtigste Grund dafür werden von den Braunschweiger Herzögen besonders hoch geschätzte Jagdgebiete sein, in denen keine Störung geduldet wurde. Obgleich um 1600 der Hüttenzins etwa 40-80 % der Einnahmen der Forstgelder - ohne die einträgliche Schweinemast – betrug, waren in den meisten Ämtern in und um den Solling nur eine oder zwei Glashütten tätig.

Mit dem Einsetzen einer nachhaltigen Bewirtschaftung der Forsten und der Verschriftlichung der Verwaltungen im 16. Jh. wird die Überlieferung besser, auch wenn Vieles was für heutige wirtschaftshistorische und kulturhistorische Fragestellungen relevant wäre, nicht erhalten ist. Im Gelände lokalisierte Hüttenplätze lassen sich ab etwa 1600 oft mit schriftlich fassbaren Hütten identifizieren. Bis etwa 1580 stand der Solling gegenüber dem Kaufunger Wald und auch dem Reinhardswald deutlich zurück. Dies manifestiert sich darin, daß als Herkunftsgebiet vieler Glasmacher bis etwa 1700 Nordhessen belegt ist, besonders das Gebiet um Großalmerode. Allein im Kaufunger Wald, dem damaligen Zentrum des weite Teile des westlichen Mittel-, West- und Norddeutschland umfassenden Hessischen Gläsnerbundes lagen 1557 etwa 20 von insgesamt 55 Hütten. Nach der Bundesordnung kann die Produktion auf mehrere Millionen Gläser und einige Tausend Tonnen Fensterglas geschätzt werden. Damit wurde der Bedarf nicht nur weiter Teile von Hessen und Norddeutschland gedeckt, sondern auch ein schwunghafter Überseehandel getrieben. Als Glashändler spielten die Niederländer eine zentrale Rolle, die sich damals zur führenden Welthandelsmacht entwickelten.

Durch harte restriktive Maßnahmen der hessischen und braunschweigischen Forstbeamten wurden die Glashütten des Kaufunger Waldes ab ca. 1580 gezwungen, sich nach neuen Standorten für ihre Hütten umzusehen. Der größte Teil wandte sich nach Norden, ins Weserbergland und weiter ins norddeutsche Flachland bis hin nach Skandinavien und ins Baltikum. Es hat allerdings den Anschein, als hätten im vergleichsweise großen Solling im 16. und frühen 17. Jh. kaum mehr als 2-3 Hütten gleichzeitig gearbeitet. Eine dichtere schriftliche Überlieferung setzt erst um 1650 ein. Im Einklang mit den Geländerelikten ist die Zeit um 1640-1740 trotz langfristiger Verarmung weiter Bevölkerungskreise infolge des Dreißigjährigen Krieges und kurzzeitiger starker konjunktureller Schwankungen des internationalen Glashandels als eine Phase zu betrachten, in der die Glasmacherei im Solling Höhepunkte erreichte.

Die Hütte am Lakenborn etwa wurde von Franz Seidensticker 1655/56 gegründet, der wohl einer der tüchtigsten Meister seiner Generation im Weserbergland war, und sich rühmte, mit allen Künsten und wirtschaftlichen Gegebenheiten der Glasmacherei in Deutschland bestens vertraut zu sein. Es war zudem üblich, dass die Meister sich selbst um den Absatz kümmerten und Großhändler etwa in Bremen oder den Niederlanden aufsuchten.  Auf der gleichen Hütte manifestiert sich eine Krisensituation, wenn der Universalgelehrte Leibniz vom Harz kommend auf der Suche nach einer Produktionsstätte für hochwertiges Laborglas den um 1680 dort tätigen Meister Ruhländer nebst dem Förster zur Mittagszeit vollgesoffen antrifft und erbost weiterreist.

Die Glasmacher waren eine weitgehend in sich abgeschlossene Gemeinschaft, die mit Vorliebe Heiratsverbindungen innerhalb des Gewerbes schloss, was gewiss auch der Wahrung und Weitergabe von Betriebsgeheimnissen diente. Häufige Glasmachernamen im Solling sind etwa Becker, Gundelach, Ruländer, Seitz, Strecker. Zum Bau und Unterhalt einer Hütte war ein gewisses Betriebskapital notwendig, weshalb häufig zwei Meister gemeinsam eine Hütte betrieben. An einer Hütte waren in der Regel etwa 15-30 Personen beschäftigt.   

Eine heimatkundliche Übersicht zu den älteren Glashütten im Solling liegt ebenso vor wie ein neues, informationsreiches Glasmachersippenbuch über die weitere Region. Detaillierte historische Darstellungen der Glashütten fehlen jedoch.  Gleiches gilt für eine ausführliche Auswertung der Geländerelikte und Funde. Um die Erforschung der Glashütten im Solling voranzutreiben, haben wir uns im Sommer 2003 zur ersten systematischen Erforschung eines Hüttenplatzes am Lakenteich zwischen Uslar und Dassel entschlossen.

Es fällt auf, dass etliche der Hütten des späten 17. und 18. Jh. großflächiger und eindrucksvoller in den Ofenhügeln sind als ältere Plätze. Daraus ist zu folgern, dass eine gewisse Tendenz zur Vergrößerung der Öfen und Betriebsanlagen und damit wohl auch der Hüttenbelegschaft und der Produktion bestand. Zudem ist bemerkenswert, dass einige Hütten nicht wie angeblich üblich nach etwa 5-12 Jahren ihren Platz aufgeben mussten, sondern ihre Standorte länger beibehielten. Aufgrund der für größere Hütten notwendigen Investitionen erscheint dies plausibel, auch wenn die Wege zum Holz länger und kostspieliger wurden. Versuche zur Umstellung auf Torf als Brennmaterial waren im 18. Jh. im Solling nicht von Erfolg gekrönt. Im Gegensatz zu anderen Regionen kam es so gut wie nie zur Gründung eines Dorfes anstelle einer Waldglashütte. Eine Ausnahme der Spätzeit (1742-1748) bildet Silberborn.

Man konzentrierte sich im Solling, wie traditionell überhaupt in den meisten Hütten der Region, auf die Herstellung von Massenware und qualitätvollen Gebrauchsgläsern. Dazu geben Schriftquellen vor allem seit dem 18. Jh. wichtige Aufschlüsse, die bisher noch kaum ausgewertet sind. Zumal in Museen und Sammlungen zwar gelegentlich Gläser vertreten sind, die dem Solling oder allgemein der Region zugeordnet werden, gesicherte Zuordnungen aber höchst selten sind, bleibt für die frühe Neuzeit und selbst für das 19. Jh. die Ausgrabung von Glashütten die einzige verlässliche Möglichkeit, die Erzeugnisse konkret kennenzulernen.

Am Lakenborn etwa dominiert gutes hellgrünes Gebrauchsglas. In großen Mengen erzeugte man nach der ersten groben Durchsicht der Funde Fensterglas. Beim Hohlglas sind  Flaschen hervorzuheben. Neben kleinen mehrkantigen Stangengläsern mit Fadenauflage für den Bierkonsum waren mit Noppen verzierte Römer als Weingläser geläufig. Die weitere Ausgrabung und Sichtung der Funde wird noch vielfältige Aufschlüsse erbringen.

In den 1740er Jahren ging die Zeit der traditionell arbeitenden handwerklichen von einem oder zwei Meistern geleiteten Waldglashütten im Solling zuende. Unter dem Einfluß moderner merkantilistischer Fürsten und Staatsbeamter sowie kaufmännischer städtischer Unternehmen wurden auch im Solling Glasmanufakturen errichtet. Deren Einrichtung und Unterhaltung überforderte die finanziellen Möglichkeiten der alten Glasmacherfamilien. Den Anfang machte im Braunscheigischen Teil Georg von Langen, der auch die Porzellanmanufaktur Fürstenberg gründete, 1744 mit Schorborn, wo weißes und grünes Glas produziert wurde. Im kurhannoverschen Solling entstand ab 1776 die Glashütte Amelith bei Nienover.  

 Anschrift des Verfassers:
 Prof. Dr. Hans-Georg Stephan
 Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg
 Institut für Prähistorische. Archäologie
 
D-06120 Halle/Saale
 E-Mail: hans.stephan@praehist.uni-halle.d


Glasherstellung 1682 (aus: “Briefe an Konrad”)